Auf den Kampf vorbereitet, doch voller Zweifel!

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Ich lege eine eigenartige, aus dickem Stoff gemachte, grüne “Rüstung” voller Reißverschlüsse an. Meine Hände stecken in Handschuhe, um Verletzungen zu vermeiden. Ich ergreife eine Art Lanze, die fast so groß wie ich und am Ende mit drei Zacken und einer Spitze versehen ist.
Vor mir liegt mein “Schlachtfeld”: mein Garten.
Mit meiner “Lanze” mache ich mich daran, dem Unkraut zu Leibe zu rücken, das sich im Rasen breitgemacht hat. Ich tue dies eine Zeitlang und weiß, daß jede aus dem Boden ausgerissene Pflanze sterben wird.
Dann halte ich plötzlich inne und frage mich: Tue ich das Richtige?
Was ich “Unkraut” nenne, sind Pflanzen, die in Jahrmillionen von der Natur geschaffen wurden und überlebt haben. Ihre Blüten wurden von unzähligen Insekten bestäubt, entwickelten Samen, die der Wind weiträumig auf den umliegenden Feldern verteilte, so daß sie an vielen Stellen gedeihen konnten und so größere Chancen hatten, den Wind zu überstehen und im nächsten Frühling wieder zu sprießen. Würde jede Pflanzenart nur an einem Fleck wachsen, wäre die Gefahr groß, daß sie ausstürbe, denn sie wäre Pflanzenfressern, Überschwemmungen, Bränden oder Trockenheit ausgesetzt.
Doch das tapfere Unkraut bekommt es jetzt mit meiner Lanze zu tun, die ihm einen erbarmungslosen Kampf liefert.
Warum tue ich das?
Jemand – ich weiß nicht, wer – hat den Garten geschaffen. Als ich mein Haus kaufte, war er schon da, harmonisch eingepaßt in die Berglandschaft und die ihn begrenzenden Bäume. Doch mein Vorgänger muß ihn lange geplant, sorgfältig bepflanzt und ihn jahraus jahrein gehegt und gepflegt haben. (Da gibt es beispielsweise eine Allee, welche die Hütte verbirgt, in der wir unser Feuerholz aufbewahren.) Als ich die alte Mühle übernahm, in der ich jährlich mehrere Monate verbringe, war der Rasen makellos. Jetzt muß ich die Arbeit meines Vorgängers fortsetzen. Doch es bleibt die Frage: Ist das Geschaffene wichtiger oder die wildwachsende Natur?
Ich reiße weiter unerwünschte Pflanzen aus und werfe sie auf einen Haufen, um sie später zu verbrennen. Möglicherweise mache ich mir über das, was ich tue, zu viele Gedanken. Aber eine jede Geste des Menschen ist heilig und hat Folgen, und daher mache ich mir zu Recht Gedanken.
Einerseits haben diese Wildpflanzen das Recht, sich überall auszubreiten. Anderseits werden sie, wenn ich sie jetzt nicht ausreiße, den ganzen Rasen ersticken.
Im neuen Testament spricht Jesus von der Notwendigkeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber -mit oder ohne Unterstzützung der Bibe l- ich stehe vor einem konkreten Problem, mit dem sich die Menschheit von jeher auseinandersetzt: Inwieweit dürfen wir in die Natur eingreifen? Ist dieses Eingreifen immer negativ, oder kann es auch positiv sein?
Ich lege meine “Lanze” ab – die nichts anderes ist als eine Hacke. Jeder meiner Hiebe bedeutet das Ende eines Lebens, die Nichtexistenz eines Wildkrauts, das sonst im nächsten Frühling blühen würde. Jeder meiner Hiebe ist Ausdruck der Arroganz des Menschen, der die Landschaft, die ihn umgibt, formen möchte.
Ich muß noch weiter nachdenken, bestimme ich doch in diesem Augenblick über Leben und Tod. Der Rasen scheint zu sagen: “Schütze mich, die Wildkräuter werden mich zerstören.” Und die Wildkräuter scheinen zu sagen: ” Wir sind weit gereist, um in deinen Garten zu gelangen, warum willst du uns jetzt töten?”

Da erinner ich mich an den Text des indischen Baghavadghita und an die Antwort, die Krishna dem Krieger Arjuna gab, als dieser sich vor einem entscheidenden Kampf mutlos zeigte, seine Waffen zu Boden warf und sagte, es sei nicht recht, einen Kampf zu beginnen, in dem er seinen Bruder töten werde. Krishna antwortete darauf mit mehr oder weniger diesen Worten: ” Du glaubst, du könntest jemanden töten? Deine Hand ist meine Hand, und alles, was du tust, stand schon geschrieben. Niemand tötet, niemand stirbt.”
Von dieser plötzlichen Erinnerung beschwingt, packe ich erneut meine “Lanze” und rücke den Wildkräutern zu Leibe, die nicht eingeladen waren, in meinem Garten zu wachsen.
Dieser Morgen hat mir eine Lektion erteilt: Wenn etwas Ungewünschtes in meiner Seele wächst, bitte ich Gott, mir den Mut zu geben, es ohne Mitleid auszureißen.

Kurzgeschichte aus “Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt” von Paulo Coelho

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